Am Besuch eines Skirennens kommt man in der Schweiz einfach nicht vorbei, hat sich der «Lappi» gesagt und sich anfangs Jahr frühmorgens auf den Weg nach Adelboden gemacht.

Es gibt Dinge, die muss man einfach mal gemacht haben, wenn man zwischen Bodensee und Lago di Lugano wohnt. Dazu gehören etwa der Besuch eines Schwingfests und eines Heidi-Musicals sowie das Posieren mit einer Schönheitskönigin am Genfer Autosalon. Aber auch ein richtiges Weltcuprennen sollte nicht fehlen, immerhin sind wir eine Skination. Doch das Mühsal fängt bereits beim Aufstehen an. Kurz nach fünf Uhr in der Früh torkelt die Lappi-Delegation schlaftrunken auf den Zug, vorbei an den letzten Aufrechten der vergangenen Partynacht, die noch immer nicht nach Hause gehen wollen.

Zwei Stunden später stösst man in Bern zu einem anderen Weltcup-Trupp aus Exil-Schaffhausern – echten Angefressenen, die noch selten ein «Chuenisbärgli» verpasst haben: «Einfach legendär» sei das – wir sind gespannt.

Die Tipps und Tricks dieser wahren Fans erweisen sich gleich mehrfach als nützlich: So sollte man etwa keinesfalls auf den erstbesten Zug Richtung Frutigen steigen, denn die Extra-Fahrten sind rappelvoll. Und ein zusätzlicher Gang zum Geldautomaten sei angeraten, denn so ein Skirennen ist teurer, als man denkt.

Mit voller Brieftasche und dem ersten Bier in der Hand macht man es sich wenig später im halbleeren Regionalzug gemütlich. Draussen lichtet sich der Morgennebel und gibt den Blick auf weisse Bergspitzen frei. Wir nähern uns der Ski-Arena, die Vorfreude steigt. Eifrig werden im Abteil Wetten auf Pointureau, Blardone oder Kostelic abgeschlossen, Fach- und Halbwissen wird zum Besten gegeben.

In Frutigen angekommen, bewegt man sich sofort wieder in Menschenmassen, alle wollen auf den Berg. Doch der Erfahrenste der Truppe weist uns den Weg: Ins Bahnhofsbuffet. Das liegt zwar noch nicht ganz an der Rennstrecke, dafür sind die Getränke billig und es hat Platz. Ein paar Runden später geht es dann mit «Schuss» hinauf nach Adelboden; gerade noch rechtzeitig für die heisse Phase des ersten Laufs. Das Weltcupdorf am berühmten «Chuenisbärgli» – es ist wie Ballermann in Mallorca oder Après-Ski in Ischgl. Die Skirennfahrer, sie sind die modernen Gladiatoren zur Unterhaltung des Pöbels.

In der Arena am Zielhang singen, nein schreien Tausende «s' Vogellisi» und «Skiii-Fahrn», während Fahrer um Fahrer die letzten Tore in Angriff nimmt. Aggressiv und blitzschnell stürzen sie den Hang hinunter, und manche ZuschauerInnen links und rechts der Strecke lassen sich mitreissen und purzeln durch den Schnee – in Richtung Festzelt.

Und die Schaffhauser? Kaum hat man sich endlich einen festen Platz am Rande der Piste ergattert, ist der erste Lauf schon fast vorbei. Man fragt sich, ob man bereits resignieren muss, denn es ist klar: Das wird «hüür» nichts mit einem Schweizer Spitzenresultat. Der Stimmung ringsum tut dies jedoch keinen Abbruch, und so konzentriert man sich auf das Festen, schwenkt solidarisch Schweizer Fähnlein mit und diskutiert, wer die nächste Runde bezahlen muss.

Die Mittagspause, sie gilt nur für die Fahrer. Die ZuschauerInnen kämpfen mit wachsenden Herausforderungen: Gefühlt kilometerlanges Anstehen am Pissoir, gähnende Leere im Portemonnaie oder der Verlust der KollegInnen. Diese im dichten Menschendschungel wieder zu finden, kann ganz schön schwierig sein.

Am Nachmittag wird es dann für ungefähr zehn Minuten nochmals richtig spannend, als die fünf Fahrer mit Siegeschancen den zweiten Lauf bestreiten. Der Stadion­sprecher, unterdessen ein bisschen heiser, kommentiert ohne Punkt und Komma, die Menge grölt noch um einiges lauter und: Die Österreicher holen sich den Doppelsieg.

Ein kurzer Fluch, ratloses Achselzucken, aber dann wird das unglückliche Resultat schnell als Nebensächlichkeit abgetan; schliesslich geht nun der Après-Ski erst richtig los: Der Schnee wird eifrig mit Bier getränkt; es wird gefeiert, es wird gereiert, und irgendwann – man weiss es nicht mehr so genau – tritt man dann die Heimreise an, wankt talwärts und tut sich schwer mit dem aufrechten Gang. Neben der grossen Müdigkeit fühlt man aber auch ein kleines bisschen Stolz in der Brust, denn man weiss: An dir kann es nicht gelegen haben, wenn die Schweizer nicht siegen. Du hast deinen Teil dazu beigetragen. Für die Ski-Nation Schweiz.

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