Bei der Freikirche ICF kann man die ganze Freizeit verbringen – auch Silvester. Der Lappi war dabei.

Das ICF wirbt mit klaren Worten für die Silvester-Celebration: «Gemeinsam ins neue Jahr worshippen, einen Input von Leo Bigger zum Jahreswechsel geniessen und sich mit Drinks und Food von der Bar verwöhnen lassen.»

Der Segen fürs neue Jahr ist nicht ganz gratis, doch 15 Franken Eintritt und fünf Franken pro Bier ist für Zürcher Verhältnisse eher billig. Schnell ist klar, dass allein damit die Celebration in der Maag Music Hall an der Hardbrücke nicht finanziert wird.

Nach einer halben Stunde verlegenen Herumstehens im Barbereich wird die eigentliche Celebration Hall mit Theaterbestuhlung und Bühne geöffnet und die TeilnehmerInnen strömen zügig und geübt in Richtung Worship und Input. Die Türen schliessen sich wieder. Während des Hauptteils gibt es keinen Zugang zur Bar. Die rockig-poppige Band vom ICF-eigenen Musiklabel spielt ein erstes Set und die Texte werden zum Mitsingen auf drei gigantischen Leinwänden und diversen Flachbildschirmen mehrsprachig eingeblendet. Hunderte sind gekommen, die Tribüne ist voll und auch die Tanzfläche direkt vor der Bühne ist gut besetzt. Alle Generationen sind vertreten, die Meisten sind jedoch unter zwanzig. Um halb zwölf folgt die Message, jedoch nicht von Senior Pastor und ICF-Papst Leo Bigger, sondern von einem jungen Prediger in weissem Anzug ohne Kravatte, dafür mit Turnschuhen – ebenfalls in weiss.

Das nach «Hey!» meistverwendete Wort ist wenig überraschend «Gott». Bildhaft schildert er sein Verhältnis zum heiligen Vater, indem er Fotos seiner Frau und Ultraschallbilder von seinen Zwillingen – ein Geschenk Gottes – auf die Schirme wirft und erläutert, Gott habe ihm ein gesegnetes Jahr beschert und mit Gott werde er auch das neue in Angriff nehmen.

Rechtzeitig vor Mitternacht beginnt die Band wieder zu spielen und ein Countdown zeigt die verbleibenden Sekunden und Hundertstelsekunden bis zum Beginn des neuen Jahrzehnts an. Mit grösster Präzision hebt die Band die Spannung an, um genau um Mitternacht wieder in den lobpreisenden Refrain einzustimmen. Alle stehen und nicht wenige feiern die Band mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen, als stünde der Erlöser selbst auf der Bühne.

Danach öffnen sich die Tore zum Dancefloor- und Barbereich wieder, der Prediger lädt zu einem bereitgestellten Neujahrsbecher ein – Rimuss, wegen der vielen Minderjährigen – und die Party kann steigen. Es geht zu wie bei jeder anderen Jugendparty. Die auffallenden Unterschiede sind lediglich ein geringerer Alkoholkonsum, viele Eheringe an jungen Händen und eine gewisse Grundhöflichkeit ohne Drücken und Drängeln.

Vor den Eingängen bietet sich Gelegenheit für Gespräche mit rauchenden Jungchristen. Sie geben auch zu kritischen Fragen Auskunft. Schwulen Christen etwa versuche man beim ICF zu «helfen», denn Homosexualität sei ja nicht «nach Gottes Plan».

Bei kleineren Sünden wird eine liberalere Haltung vertreten. Man müsse halt um Vergebung bitten. Das ist sinnbildlich für das ganze Movement: Evangelium und Spass – aber bitte immer mit einem schlechten Gewissen.

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