Was passiert, wenn urbane junge Leute am 1. August das Volkstümliche suchen? – Eine Nachlese, drei Steinwürfe später.

Für die aufgeklärte Schweizerin und den aufgeklärten Schweizer, die mit dem Willhelm-Tell-Mythos, dem ganzen Pathos um den Rütlischwur und dem immergleichen Floskelgedresche übereifriger Politiker nichts anfangen können, stellt der 1. August Jahr für Jahr ein kleines Problemchen dar. Was tun am Nationalfeiertag?

Die Festlichkeiten einfach ignorieren? Schon zwei Wochen im Voraus beim Chinesen um die Ecke reservieren, Nudelsuppe schlürfen und Go spielen, bis der Zeiger die 12 passiert hat? Oder sich halt trotzdem unters Volk mischen? Wurst und Bier schmecken auch am 1. August. Man muss ja nicht zuhören.

Der Lappi ging in die Offensive und hat sich den Nationalfeiertag zum Anlass genommen, einmal der «modernen Folklore» auf den Grund zu gehen.

Gibt es das Folkloristische überhaupt noch, wie wir es von den Geschichten von Heidi und dem Geissenpeter her kannten, oder hat tatsächlich eine Francine Jordi die Deutungshoheit über das Thema erlangt? Gibt es noch Orte, an denen sich die Menschen der Zukunft verweigern und leben wollen wie ihre Urväter? Und was geschieht an diesen Orten mit iPhone-schwingenden Städtern, die kaum mit den örtlichen Bräuchen vertraut sind? Werden sie freudig aufgenommen, oder ernten sie bloss böse Blicke, Hohn und Spott? Das Lappi-Team machte sich auf, Richtung Albis-Passhöhe, dem Ort, an dem heuer der vierzigste und zugleich letzte Albisschwinget stattfand.

Bereits am Hauptbahnhof Zürich lächelt goldgelb die Sonne der Bauernpartei von unzähligen Plakaten und Bildschirmen. Wir sind auf dem richtigen Weg. Bewaffnet mit Jasskarten und ein paar Schachteln «Original Krumme» von Villiger – auch auf diesem Stück Schweizer Kulturgut prangt heute die «Rauchen tötet»-Aufschrift vom Bundesamt aus Bern – besteigen wir in Thalwil den Niederflurbus Richtung Oberalbis Passhöhe. Wir fahren durch Wiesen, voll mit zufriedenen Kühen und schaffigen Menschen. Die Sonne brennt auf uns herab, während unsere Blicke über den Zürichsee schweifen. In der Tat, hier oben ist die Welt noch in Ordnung.

Auf dem Schwingplatz angekommen, stellen wir fest: Auch Städter werden reingelassen, für ein Zehnernötli, wie alle anderen auch, und mit den «Original Krummen» von Villiger können wir unbemerkt in der Masse untertauchen. Kein Wunder, mit 750 Zuschauern und 62 Schwingern ist der Albisschwinget zwar nicht gerade eine Grossveranstaltung, aber auch alles andere als heimeliges Beisammensein. Stilecht steht neben den Sägemehlkreisen der Holzbrunnen, der einem Einbaum ähnelt, und auch ein Alphorn ist auszumachen. Ein wenig abseits des Geschehens kann man sich unspunnenmässig im Stein-Weitwurf versuchen. Wer den 22-Kilo-Stein (das legendenumwobene Original wiegt 83,5 kg) werfen will, unterstützt damit die hiesigen Turner. Für einen Fünfliber gibts drei Würfe. Wir werfen mit mässigem Erfolg und setzen uns anschliessend in die abschüssige Kuhweide, um die Kämpfe zu verfolgen.

Der Schaffhauser Promi-Chranz-Schwinger Aders Till erklärt uns Regeln und das Drumherum, untermalt vom tatkräftigen Ansager, der nicht nur die Athleten anpreist, sondern auch das Getränkeangebot: «Chaufed Sie öppis am Stand, es mue jo nid unbedingt Bier oder Wy si, es hät au Cola oder Mineralwasser». Wir entscheiden uns trotzdem für Bier, und die Lautsprecherstimme erzählt uns Wissenswertes über den Lebendpreis, währen dieser in der Arena eine Runde dreht: Muni «Faro», Rasse: «Original Braun», gespendet von Bösch Hans-Peter. Vater: Harry, Mutter: Elvira. Neben dem Speaker sitzt ein Mann mit kunstvollem Schnurr- und ellenlangem Kinnbart, im Mund natürlich eine «Original Krumme» von Villiger. Ein urchiges Original, wie man sie in der Nordostschweiz wohl an ein paar wenigen Händen abzählen kann. Woher bloss kennen wir ihn? – Genau! 5 gegen 5 mit Epiney Sven, «Schnauz» gegen «Bart». Da war er mit von der Partie.

Der sportliche Teil geht für den Laien recht unspektakulär vonstatten. Burkhalter Stefan bezwingt im Schlussgang den um einiges jüngeren Schuler Alex in der dritten Minute mit «Kniehkehlengriff» und holt sich am letzten Albisschwinget den zweiten Sieg auf der Passhöhe, 10 Jahre nach seinem ersten. Er posiert mit Faro und bedankt sich bei Sponsor, Gegner, Familie und allen anderen. Ein versöhnliches Ende.

Wir bleiben noch ein wenig im Festzelt sitzen, essen Nussgipfel und sinnieren über das Erlebte, an den Festbänken, die mit Werbung für «Clientis» und «Radio Central – Das Radio mit Herz» überzogen sind. War das nun die «moderne Folklore», die wir zu finden glaubten? Was bleibt im Kern vom Albisschwinget übrig? Was hat ihn für uns Städter geprägt? – Ein Batzen für die Turner, eine Wurst mit Senf und Brot und Bier aus dem Plastikbecher. Wie an jedem Volksfest. Wie überall am 1. August.

  • tinyurl.com/rangliste-schwinget
  • www.esv.ch

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