Schaffhausen. Ein kleines Paradies des Sterbens.

Es hätte ein Sommer der Liebe werden können in der schönen Haamet. Die Vögelein tirilierend, die Rehlein über die saftigen Buntwiesen galoppierend, die Kinderlein mit den Forellen um die Wette schwimmend – Schaffhausen, un rève d'été, eine Ode ans Leben.

Doch dann kamen der Regen und die schlechten Nachrichten: «OBERHALLAU SH - Konrad S. donnerte gestern mit seinem Kleinflugzeug wohl gezielt in sein Elternhaus in Oberhallau SH» («Blick», 17. Juli); «In Schaffhausen fielen am Samstagnachmittag in einem Haus mehrere Schüsse» («20min», 23. Juli); «Ein Familiendrama hat im schaffhausischen Beringen einen Toten gefordert: die 21-jährige A. S.* erstach ihren Vater» («Tagesanzeiger», 26. Juli). Statt Rheintouristen kamen Journalisten, denn spätestens nach dem Massaker von Utöya roch es endgültig nach Tod und Zerstörung.

Zuvorderst nahmen die Ringier-Büttel ihre Verantwortung wahr, als Leitmedium die Emotionen der Bevölkerung zu regulieren, einem verkümmerten cortex praefrontalis gleich. Nachdem Nachbarn und Kollegen zum Styling der Andrina S. befragt (Urs S.: «Sie wollte die Wände schwarz streichen und trug teuflische T-Shirts»; Pascal F.: «Sie trug nur noch schwarz und färbte ihre Haare. Klassisch satanistisch»), jeder Vanilla-Ninja-Fan-Forums-Eintrag zitiert worden war und uns das Boulevard-Blatt derart eine Satanistin geformt hatte («Sie nannte sich im Internet Satan!», «Blick», 28. Juli), galt es, den kurligen Eingeborenen etwas Aufmerksamkeit bzw. sich einen weiteren Beitrag im Sommerloch zu schenken. Nach Kamikaze und Möbelschiessen, liess der Messermord von Beringen die «überregionalen Medien» (Norbert N.) erst recht in den Norden der Schweiz fahren, um alte Frauen mit schlechten Vergleichen zu belästigen. «Blick»: «Das ist ein bisschen wie wilder Westen hier, oder?»

Kenner der Medienlandschaft stellten aber schon nach Konrad S. Klettgauflug fest: «Sie nehmen es [...] nicht so genau, dort schiessen die Spekulationen ins Kraut, Tempo geht oft vor Sorgfalt» («SN», 23. Juli). Norbert Neininger weiss, wovon er spricht. Nachdem sein Spezi Blanck 2009 gleich mehrere Doppelseiten im zweiten Bund mit Erich Schlatters «Leidensgeschichte» («SN», Dossier Schlatter) und einer Recherche ins Kraut (Valencia) gefüllt hatte, zwang der Verleger die gesamte Redaktion zum Umdenken. Dies nach der bitteren Einsicht, dass es auch «für die hiesigen Medien nicht immer einfach [ist], die richtige Balance zwischen genauer und sachgerechter Berichterstattung (und der erwünschten Aufklärung der Bevölkerung) und dem Respekt vor den Betroffenen zu finden.» Darauf erhoben alle «SN»-Journalisten die rechte Hand und schworen in einem fort: «Wir wollen betreiben ein pietätvoll Journalismus! Wir schwören!

Doch selbst Geläuterte wie Robin B. haben Fragen und fühlen sich verpflichtet, diese stellvertretend für die geschätzte Leserschaft auch zu stellen, bspw. dem Polizeikommandanten: «Nach dem Flugzeugabsturz in Oberhallau vor rund zwei Wochen fielen am Samstag Schüsse in einem Haus auf der Breite. Noch ganz nah ist das Familiendrama von Beringen. Haben sie eine Erklärung für diese Häufung von ausserordentlichen Gewalttaten?» («SN», 29. Juli). Würde sich Blöchlinger als apokalyptischer Warner gebären, als Verkünder der bevorstehenden Gottesstrafe für einen Kanton voller Sünder oder Stündeler? Gleich nachdem sich das Familiendrama von Beringen aus dem Befragungszimmer verdrückt hatte? Blöchlinger: «Ich glaube, dass diese Häufung sich zufällig ergeben hat.» Uff, also kein Weltuntergang. Zumindest vorerst.

Weshalb aber «beginnen Vereinzelte durchzudrehen» (Dominic D.), in unserem Idyll, wie auch im norwegischen? Denn war nicht auch dort bloss ein Wahnsinniger am Werk, Massa Chefredaktor? Norbert Neininger: «Derzeit, noch ohne sorgfältige Analyse aller Umstände, bleibt nur ein Schluss: Hier war ein völlig Wahnsinniger am Werk» («SN», 25. Juli). Was auch sonst? Das Böse? Daran glaubt man als aufgeklärter Dickschädel erst wieder, wenn der Todesengel mailt. Man verbittet sich aber gleichfalls Kommentare von «Linken, Netten und Experten» (SVP), die auf Anders B. politischen Kontext verweisen, auf seine urpolitische Tat. Neben pietätlosem Journalismus von auswärtigen Medien, bleibt das Schlimmste an solchen Tragödien auch, dass versucht wird, «daraus politisches Kapital zu schlagen» (N.N.). Man wählt den Mittelweg: Anders B. ist schlicht irre. Das Juso-Schiessen auf Utöya hat doch nichts mit der ganzen Propaganda zu tun, mit der seit Jahr und Tag gegen Islamerer aber eben auch gegen Linke und andere Ausländer Stimmung gemacht wird. Anders B., Kleinunternehmer, Armeebefürworter, gute Frisur, Lacoste-Pullover. Klassisch wahnsinnig.

N.N. höchstselbst kann aber nicht entgangen sein, dass die Sprache des Anders B. eine Sprache ist, die auch in den SN Platz findet. Man versteht sich schliesslich als Forum. Wenn es einen Unterschied gibt zwischen Anders B. und den Angriffen in unserer geographischen Nachbarschaft, dann ist es sein politischer Masterplan inkl. Manifest. Wäre der Blondschopf doch bloss ausgetickt und hätte seine Wohnung zusammengeschossen. Doch er kontrollierte seinen Zorn und kanalisierte ihn bis zum entscheidenden Tag, der in Europa einen Take-Over durch die Anti-Islam-Liga provozieren sollte. Es bleibt, noch ohne sorgfältige Analyse aller Umstände, nur ein Schluss: Hier war ein völliger Leitartikler am Werk, der nicht bereit ist, über den Einfluss rechter Hetze auf die gutbürgerliche Mitte der Gesellschaft zu diskutieren.

Was müssen wir Normalos tun, die nicht zu Waffen greifen? Jetzt, nach diesem Sommer der Gewalt? Bleibt uns, nach Neininger, «also nichts anderes übrig, als voller Vertrauen in die Mitmenschen – aber nicht naiv – durchs Leben zu gehen»? Betroffenheit zum Ausdruck bringen, den Attentäter als Wahnsinnigen abstempeln, weitermachen wie bisher? Das ist uns dann aber doch etwas gar wenig. Dann eher nach Pfarrer Heinz Brauchart: «In Zukunft werden wir wohl unwillkürlich genauer hinhören, wenn es irgendwo knallt oder schiesst in der Umgebung. So etwas wie in Norwegen könnte sich ja auch bei uns jederzeit wiederholen.» («SN», 29. Juli). Als Seelsorger werde er den ersten Stein auf eine Matratze werfen, damit niemand zu Schaden kommt, und «auf die verbalen Attacken und ‹Schiessereien›, wie sie in manchen Kreisen immer häufiger gang und gäbe sind, besser achten».

Auch wir werden in Zukunft wieder engagierter Zivilcourage zeigen und kleinen Birch-Albanern entschieden entgegnen: «He, du! Mit dem Finger zielt man nicht auf Menschen!» Und noch bevor sie uns mit ihren grossen Brüdern konfrontieren, sitzen wir bereits wieder im Café und bewerten die Welt mit Leitartikeln zu unserem Vorteil.

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