Auch die Schweiz erlebte einen atomaren Unfall. 1969 kam es im Versuchsreaktor in Lucens, Waadt, zu einer Kernschmelze. Der Lappi hat es sich dort ­gemütlich gemacht und der Strahlung getrotzt.

Es regnet, als das Lappi-Team in der 3000-Seelen-Gemeinde Lucens ankommt. Ein kurzer Blick auf den Geigerzähler beruhigt uns: Das Regenwasser scheint nicht verstrahlt zu sein. Auf der Informationstafel wird das Reaktorunglück von 1969 verschwiegen, das verlassene Kraftwerk ist auf der Karte nicht eingezeichnet. Wir steuern die Dorfbeiz an. «Café du Poids», verkündet ein Schild auf der mit Sonnenschirmen geschützten Terrasse. Beim Versuchsatomkraftwerk Lucens handelte es sich um einen Schwerwasserreaktor, wir fragen uns, ob «Café du Poids» eine mit schwerem Wasser aus dem Kraftwerk gebraute Kaffeespezialität ist.

Der Kellner ist Portugiese und erklärt uns in akzentfreiem Französisch die Weinkarte. Nein, aus der direkten Umgebung habe er keinen Wein. Die Folgen des Reaktorunfalls scheinen bis heute gravierend zu sein. Wir bestellen Weisswein aus dem unverstrahlten Yvorne und schenken uns grosszügig ein, nachdem der Geigerzähler keine erhöhte Aktivität des Weins festgestellt hat. Alkohol soll vor Strahlung schützen; nach der Katastrophe in Tschernobyl wurde unter der Bevölkerung der heutigen Geisterstadt Prypjat Wodka verteilt, nach Fukushima kam es an der russischen Pazifikküste zu Hamsterkäufen.

«C'est pas Hiroshima ou Fukushima ici»

Der Kellner weist uns den Weg zum Reaktorgelände. Es sei nicht zu verfehlen, ein Bunker stehe dort. Wir wollen wissen, ob es viele Reaktortouristen gebe und geführte Touren. Nein, das Interesse sei gering, sagt der Kellner schmunzelnd. Nur kurz nach Fukushima seien einige Journalisten und Fernsehteams vorbeigekommen. «C’est pas Hiroshima ou Fukushima ici», versucht er uns zu beruhigen. Es gebe auch Menschen in hohem Alter im Dorf, die seit Jahrzehnten die einheimische Milch trinken. Über den Unfall von 1969 werde kaum gesprochen. «On s’occupe des vaches.»

Das ehemalige Reaktorgelände ist mit einem mannshohen Zaun abgesperrt, doch das Tor ist offen. Ein Zivilschutzgebäude wurde, dem Stil nach zu urteilen, kurz nach dem Unfall erbaut. Der Geigerzähler zeigt 1.8 Mikrrosievert pro Stunde (µSv/h). Das ist mehr als in Schaffhausen, aber noch innerhalb dessen, was als natürliche Erdstrahlung zu erwarten ist. Hinter dem Zivilschutzgebäude finden wir uralte Betonmauern mit Spuren eines teilweisen Abrisses und einen meterhohen Wall aus sandiger Erde. Eine Lüftung schaltet sich ein und aus, eine Tür in luftiger Höhe führt nicht auf einen Balkon, sondern ins Nichts. Ein Hauch von Prypjat liegt in der Luft, doch der Geigerzähler misst nur 1.7 µSv/h. Wir nehmen Bodenproben und suchen ein gemütliches Plätzchen für ein Picknick. Unter einem grossen Baum ist die Strahlenbelastung am geringsten. Plötzlich stellen wir fest, dass das Tor geschlossen wurde. Wir sind gefangen. Eingesperrt in der Stätte eines atomaren Unfalls. Inzwischen zeigt der Geigerzähler 2 µSv/h. Wenn wir hier nicht mehr wegkommen, werden wir nach 220 Jahren mit grosser Wahrscheinlichkeit an den Folgen der Strahlenkrankheit sterben.

Strahlentod nach 220 Jahren

Unterhaltung
In der dorfbeiz «café du poids» bieten einige Einwohner bereits am frühen Nachmittag ein buntes Schauspiel. So bunt, dass sich der Kellner Fremden gegenüber entschuldigt, das sei immer so. Er kennt seine Stammgäste und wartet ungefragt mit einer Anekdote über einen von ihnen auf: Er sei im offenen Vollzug und müsse eine Fussfessel tragen. Diese schnalle er aber des Öfteren seinem Hund an und schicke ihn auf einen Spaziergang, damit es die Behörden nicht merken, wenn das Herrchen den ganzen Tag in der Beiz verbringt.

Wir laufen dem Zaun entlang und suchen einen anderen Ausgang. Stattdessen finden wir zwei Stollen, die in den Berg führen. Der eine ist mit einer schweren Tür verschlossen: Hier muss einst der Eingang zum Reaktor gewesen sein. Ein zweiter Stollen ist zugänglich, ein geöffnetes Gittertor hängt schief in den Angeln. Wir wagen uns in den Berg, der Boden ist übersäht mit Scherben und anderem Bauschutt. Nach 20 Metern ist der Stollen zu Ende, wir messen 2.8 µSv/h, den höchsten Wert des Tages. Nichts wie weg.

Wir klettern über den Zaun und nehmen am Bach noch eine Wasserprobe, bevor wir die gespenstische Szenerie des Versuchsreaktors verlassen. Die Untersuchung des Wassers mit dem Geigerzähler wird später 104 Bequerel des gefährlichen Nuklids Cäsium 137 pro Liter ergeben. In Fukushima liegt der gesetzliche Grenzwert für Wasser derzeit bei 90 Bequerel. Im Zug, der uns vom Fukushima der Schweiz wegträgt, fühlen wir uns etwas benommen. Das könnte zwar am Wein liegen, andererseits zählen Schwindel und Benommenheit zu den ersten Symptomen der Strahlenkrankeit.

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