Die Gesellschaft für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) hat eine Initiative zur Abschaffung der Wehrpflicht lanciert. Anlass genug, die betroffenen Soldaten zu befragen – im Hooters gegenüber der Kaserne in Thun.

Wenn man eine kontroverse Diskus­sion über die Abschaffung der Wehrpflicht haben will, dann muss man die grössten Wehrpflicht-Anhänger fragen, nämlich die Panzergrenadiere. Das zumindest ist die Meinung der Lappi-Redaktion, weshalb sie sich mit dem Zug zur Kaserne in Thun aufmachte. Eine Erlaubnis von der Armee, die Panzergrenadiere zu befragen, gab es nicht. Allerdings ist es nicht schwer, in Erfahrung zu bringen, dass die wehrhaften Schweizer ihren Ausgang im Hooters gegenüber der Kaserne verbringen.

In der Nähe des Hooters gibt es nur die Kaserne. Oder anders gesagt: In der Nähe der Kaserne ist das Hooters die erste Anlaufstelle für den durstigen, bewaffneten Rückhalt unseres Landes. Das Lokal mit dem jungen weiblichen Servierpersonal in knappen orangen Hotpants und engen weissen Shirts wird deshalb regelmässig von gut getarnten Armeeangehörigen für Freizeitzwecke besetzt. Die Rekruten wären in der hereinbrechenden Nacht kaum zu erkennen, würde ihr markiges Gelächter und ihr bierseliges Gegröle nicht schon drei Querstrassen weiter verraten, dass hier jede Menge Testosteron vorhanden ist.

Die Stimmung gleicht derjenigen eines englischen Kleinstadtpubs, aus dem man um elf rausgeworfen wird und in dem Cola­trinken eine Verschwendung von Lebenszeit bedeutet. Die Servierdame bückt sich beim Wischen unnötig tief über die Tische, fragt gleich danach um Bestellungen nach und bringt eine Runde Bier. Nur wenige Soldaten interessieren sich für die GSoA-Initiative, die meisten wissen nicht, worum es geht und kennen keine GSoA. Die Panzergrenadiere sind heute nur spärlich anzutreffen. Ein angetrunkener Koch erklärt auf Nachfrage, weshalb eine professionelle Armee das Beste ist. Jetzt sei sie zu gross, deshalb unterbeschäftigt und es fehle an Material. Eine Abschaffung hingegen kommt nicht in Frage. «Das wäre in Zeiten von Massenmigration und Terrorismus fatal.» Einer mit einem Chäppi auf dem Kopf widerspricht, hält das Milizsystem für das Allerbeste. Ein weiterer meint, das Beste sei das Bier. Den chäppitragenden Milizbefürworter interessiert das Gespräch bald nicht mehr, er wendet sich seinem Bier und der Servierdame zu und will mit ihr einen Schnaps heben.

Ein Student – erst kürzlich aus Deutschland in die Schweiz gezogen – warnt vor einem Frontenkrieg, der uns sicher noch bevorstehe. Also soll auf- und nicht abgerüstet werden. Dem wiederum widerspricht der Koch, der diese Einschätzung nicht teilt. Mit dem jetzigen Budget könne eine kleine, aber effiziente Armee unterhalten werden. Koch und Stundent diskutieren nun untereinander weiter und die Servierdame hat dem Milizbefürworter unterdessen zwei Schnäpse und dem Rest einige Biere gebracht. Allerdings weigert sich die knapp Volljährige, den eigenen Schnaps zu trinken, weshalb der Milizbefürworter diesen schliesslich mürrisch dem Koch hinhält und sich nochmals in die Diskussion einmischt: «Das Volk kümmert sich selbst um seine Sicherheit. Zwar fehlt im WK tatsächlich das Material, aber unterbeschäftigt ist man nicht.» Das stellt er aber nicht zur Diskussion, sondern in den Raum – und wendet sich wieder ab.

Dem Koch ist es unterdessen auch egal, wenn man die Armee abschaffen würde, und ausser dem Studenten haben sich längst alle ihrem alkoholischen Getränk und der Bedienung zugewandt. Die weibliche Bedienung wird ruppiger und unumgänglicher, aber niemand bemerkt das zu dieser Uhrzeit noch. Man drängt ihnen Drinks auf, schaut ihnen nach, haucht ihnen zarte Worte mit kernigem Abgang ins Ohr. Die Servierdamen überhören nun sogar geflissentlich die Bestellungen. Schliesslich droht die Sperrstunde. Gegen zehn Uhr müssen die Soldaten gehen, «susch gits Zoff».

Gelernt hat man eines an diesem Abend. Die Armee hat zumindest im Bereich der Wirtschaftsförderung für den Bestand des Hooters in Thun ihren Dienst geleistet. Das liesse sich wohl aber auch ohne Wehrpflicht machen.

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