Schweiz 5 heisst «Bürgerlich und Sport». Sie kennen den TV-Sender nicht? Nicht so schlimm, wir haben den Sonderling für Sie besucht.

Schweiz 5 bringt Sportereignisse wie Truck-Rennen, Astrologie- und Sexualberatungen sowie einige Talkformate politischen Inhalts, wobei überwiegend mit SVP-Politikern diskutiert wird. Schweiz 5 zu empfangen ist nicht schwer. Der Sender ist auf fast allen Digitalnetzen des Landes aufgeschaltet. Schweiz 5 zu finden ist schon deutlich schwerer. Das Signal kommt von irgendwo in Langenthal.

Dort angekommen, fällt auf: Es stinkt ge­waltig. Nach verfaulten ­Eiern und Schlimmerem. Unmittelbar an den Bahnhof Langenthal Süd grenzt ein ausgedehntes Einfamilienhausquartier. Auf der anderen Seite sind die Kartoffelfabriken und irgendwo in der Nähe wohl auch eine Kläranlage. Aber wo ist Schweiz 5? Wir stehen vor einem riesigen, verglasten Neubau. Unten Autowerkstatt, oben Restaurant und Bowlingbahn. Ein Unterhaltungszentrum an der Peripherie.

Schweiz 5 würde gut hierher passen, aber ein entsprechendes Türschild findet man nirgends. Dreht man eine Runde um das Gebäude, findet sich aber eine heisse Spur. Ein unscheinbares Einfamilienhaus mit einer farbigen Firmentafel neben der Türe: Cosma TV – eine Produktionsfirma für Astrologiesendungen, die auch bei Schweiz 5 laufen. Aber wo ist nur der ganze Rest des Senders? Wir werden zu einer Seitentüre verwiesen.

Im ersten Stock werden wir fündig. Man sieht Kabel, leere Kisten und alte Elektrogeräte. Was auf den ersten Blick wie eine leicht chaotische Handwerkerbude wirkt, ist Schweiz 5, der gesuchte Fernsehsender. Durch eine offene Tür sieht man direkt in sein Herzstück, die Regie. Viele kleine Bildschirme und ein riesiges Mischpult mit unzähligen Knöpfen. Auf der anderen Seite des Raumes beleuchtet ein rotes Licht den Schriftzug «Achtung Aufnahme»: Das Studio. Hier möchten wir die Sendung Polittalk besuchen.

Offenbar ist aber gerade Cosma TV auf Sendung. Vor einem Green-Screen steht ein Tisch, darauf allerlei Firlefanz: Ein Kranz, rauchende Duftkerzen, Tarot-Karten. Dahinter eine aufgetakelte Frau karibischen Ursprungs. Obwohl Sie auf Sendung ist, winkt sie uns fröhlich zu. Cosma TV ist Telefonberatung für alle Lebenslagen. Die Anrufer fragen, ob ihre Partnerschaft halten wird oder ob sie im Lotto gewinnen werden. Manche fragen auch nach dem schnellsten Weg ins Tessin. Die karibische Frau kennt die Antworten – oder zumindest behauptet sie das. Die zwielichtigen Telefonberatungen bringen viel Geld, Schweiz 5 lebt davon.

Unterdessen ist die Sendezeit dieser «Session» vorbei, der Sender schaltet nach Basel, wo der König der TV-Telefonberatungen die nächsten Stunden übernimmt: Mike Shiva. Endlich begegnet uns der Geschäftsführer: Peter Heeb, Inhaber von Schweiz 5 und ein alter Hase im Produktionsgeschäft. «Seid ihr die von der Sunrise?», fragt er. Wir klären ihn auf. Eigentlich waren wir angemeldet. «Ach so. Ihr seid zu früh, der Polittalk wird erst in einer Stunde aufgezeichnet.» So bleibt noch Zeit für ein Gespräch.

15 Leute arbeiten für den Sender, den Heeb eigentlich gar nicht wollte. Schweiz 5 entstand aus den Resten von U1 TV, dem die Cablecom die Aufschaltung verweigerte. Heeb kennt den Schuldigen: «Es war der ‹Lügenberger in Bern›, der sich nicht dafür einsetzte». Weil der Staat die MitarbeiterInnen von U1 TV auf die Strassen stellen wollte, handelte er selbstlos, wie er sagt, kaufte den Sender und zog mit ihm von Schlieren nach Langenthal – zu seinem Kumpel Markus Bösiger. Bösiger nennt man den «König von Langenthal». Ein erfolgreicher Truck-Race-Fahrer und Immobilienmogul. Bösiger gehört das grosse Glashaus, wo Schweiz 5 eingemietet ist. Bösiger gehört auch die Autowerkstatt im Parterre und das Bowlingcenter, und er baute ein ganzes Einfamilienhausquartier auf der anderen Strassenseite. 50 Häuslein, blaue Dächer, graue Zäune. Man nenne es «Bösiger-City», schmunzelt Schweiz 5-Chef Heeb.

Im Redaktionsraum begrüssen wir den Redaktor und Moderator des Polittalks, Robert Blaser. Er sitzt an einem alten Bürotisch vor einem Laptop, daneben ein gerahmtes Familienfoto. Heute ist bei ihm die Präsidentin der SVP Frauen Zürich. Das Thema: Rückblick auf die Wahlen 2011. «Das wird durchaus kritisch werden, wir werden kein Thema auslassen», Blaser kennt sich aus in der Politikwelt, wahrscheinlich vor allem bei der SVP. Er moderiert auch das Magazin «Schweizerzeit» mit Ulrich Schlüer, ein Pendant zu Tele Blocher. Ob es journalistisch nicht fragwürdig sei, beinahe nur SVP-Inhalte zu verbreiten, fragen wir. Schweiz 5 sieht da kein Problem. Bürgerlich und Sport eben, so das Konzept. Dazu Esoterik und ein bisschen Sex in der Nacht.

Bald darauf sitzen wir im Studio. Der Talk beginnt. Journalist Blaser kommt gleich zur Sache. Das sei nun aber nicht gerade toll gewesen mit dem Wahlresultat der SVP. Die Präsidentin nimmt Stellung. Blocher sei wohl langsam zu alt, meint sie, und der Ton müsse gemässigter werden. In der Sendung bleibt der Ton jedenfalls sanft. Man ist ja unter Freunden. Wir schleichen nach gefühlten 30 Minuten aus dem Studio, die Sendung ist noch lange nicht fertig. Am Ausgang treffen wir nochmals auf TV-Boss Heeb. Der hat grosse Pläne: Oben, bei der Bowling-Bahn, plant Heeb eine eigene «Arena». Jeden Freitag sollen da die Wichtigen der Politik über die Themen diskutieren, die das Land bewegen. Aber eine Stunde früher als beim Schweizer Fernsehen, damit man die Politiker zuerst bei ihm sehe, meint Heeb. Eine Arena nur mit SVP-Teilnehmern? Der Chef winkt ab. Es würden auch Linke eingeladen. Aber wehe, jemand sage ab. Dann würde man den Stuhl einfach leer lassen. Mit einem grossen Namensschild derjenigen Person darauf, die abgesagt habe. Damit der Zuschauer sehe, wer in seiner Sendung nicht Stellung nehmen will. Das ist Schweiz 5. Das Fernsehen von Peter Heeb. Jedem sein Fernsehen, denken wir, und lassen Langenthal hinter uns.

  • www.schweiz5.ch

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