Bätzler, Kreuzer, Taler: Von dreisten Münzmeistern, Schaffhauser Banknoten und einer Frau, der die Stadt ein fundamentales Recht zu verdanken hat.

Hans Konrad Bucher hatte es satt. Seit dem 4. April 1701 war er nun Münzmeister der Stadt Schaffhausen, doch zu tun hatte er nicht wirklich viel. Die eidgenössische Tagsatzung verbot nämlich im Jahr 1703 allen Städten des Bundes bis auf weiteres, neue Münzen zu prägen. Ein Überfluss an Kleingeld machte den Eidgenossen arg zu schaffen. Für diese dröge Nichtstuerei hatte er, Hans Konrad Bucher, ein ausgewiesener Experte seines Handwerks, doch nicht einen beträchtlichen Zins an die Stadt gezahlt, geschweige denn einen seitenlangen Amtseid geschworen.

Die wenigen Medaillen, die es hie und da herzustellen galt, brachten dem armen Münzmeister auch nicht sonderlich viel ein. Also musste er sich etwas einfallen lassen, um die Schaffhauser’sche Geldfabrikation wieder in Schwung zu bringen. Immerhin: gewitzt war er, dieser Hans Konrad Bucher.

Dabei war das Münzwesen, beziehungsweise das Münzrecht, einige Jahrhunderte zuvor noch ein überaus wichtiger Bestandteil der Entwicklung Schaffhausens.

«König Heinrich III. von Gottes Gnaden König» liess im Sommer 1045 urkundlich festhalten (hier sinngemäss übersetzt), «gestattet auf Bitten seiner Gemahlin, Königin Agnes, seinem getreuen Grafen Eberhard für dessen Dienste, im Ort namens Schaffhausen (Scafhusun) eine eigene Münze zu prägen.» Der guten Agnes, Ehefrau des gesalbten Heinrich III., König (und später Kaiser) des Heiligen Römischen Reiches, haben wir demnach zweierlei zu verdanken: zum einen die erstmalige, uns bekannte Erwähnung Schaffhausens überhaupt, zum anderen ein fundamentales Privileg, ohne dass sich die Siedlung kaum in der uns bekannten Weise entwickelt hätte. Damals, im 11. Jahrhundert, besassen nur etwas über 200 Städte des Alten Reichs das Münzrecht; ein lukratives Geschäft, das der vorindustriellen Schaffhauser Wirtschaft sehr förderlich war.


Weil der Gotthardpass erst etwa zur Mitte des 13. Jahrhunderts für den Transport begehbar gemacht wurde, führte der handelsweg über die alpen vor allem über den Splügen- oder den San-Bernardino-Pass, die schon den Römern bekannt waren. Danach ging’s das Rheintal hinab zum Bodensee.

Bald darauf wurde die städtische Münzprägung in Betrieb genommen, eingerichtet im stattlichen Haus «Zur Münz» unterhalb des Herrenackers, mit Wohnung auf der einen, Prägestätte auf der anderen Seite. Ohne einen vitalen Markt hätte die Produktion von eigenem Geld natürlich reichlich wenig Sinn ergeben, doch an Gütern, die im mittelalterlichen Schaffhausen umgelagert, verkauft, weitertransportiert wurden, mangelte es im Allgemeinen nicht. Die Stadt lag an einem Knotenpunkt eines internationalen Handelswegs. Über die Pässe im Bündnerland wurden die Waren an den Bodensee, danach per Schiff nach Schaffhausen spediert.

Insbesondere Leinwand, fabriziert in der Webergasse, avancierte zum Exportschlager. Ebenso wichtig war der Handel mit Salz, das die einheimischen Kaufleute aus dem Tirol und aus Bayern bezogen. Schaffhausen war während des Hochmittelalters und der Frühen Neuzeit weitherum das grösste Salzdepot und versorgte bis ins 19. Jahrhundert viele Regionen der Schweiz und des südlichen Deutschlands mit dem begehrten Mineral.

Schaffhauser Münzen in Syrien

Weit verzweigte Handelsbeziehungen waren der Schaffhauser Münze äusserst förderlich – und umgekehrt. Das blieb auch andernorts nicht unbemerkt. Die Stadt habe täglich einen mächtigen Zulauf und Vertrieb mit Händlern aus Deutschland und Italien, berichtete der Münzmeister von Luzern nach einem Besuch im Jahr 1615. So fanden die Schaffhauser Münzen weiten Umlauf: von der Thur bis zur oberen Donau; vom Klettgau bis in die Landgrafschaft Albgau und den Schwarzwald, sogar in Syrien fand man Münzen aus der Schaffhauser Prägungsstätte.

Letzteres dürfte wohl im Zusammenhang mit dem ausgedehnten Leinwandexport stehen. Im 16. und bis über die Mitte des 17. Jahrhunderts hinaus ist sogar von ganzen Schiffsladungen von Münzen die Rede, die den Rhein hinauf geschippert wurden, um in Schwaben und Bayern verbreitet zu werden. Reichstaler, Dickpfennige, normale Pfennige, Dreiund Sechsbätzler, Böhmische, Kreuzer, Dicken, halbe Dicken, Silberkronen, Heller, Dukaten, Dublonen – über die Jahrhunderte wurde in der Münzprägungsstätte am Herrenacker so einiges Metall zusammengemünzt.

Nur der bemitleidenswerte Hans Konrad Bucher durfte nicht. Ausgerechnet er musste zusehen, wie seine Tätigkeit, zuvor während hunderten von Jahren eine wahre Goldgrube, zu einem brotlosen Handwerk verkam. Dies zeichnete sich zwar schon bei seinem Vorgänger ab, trotzdem konnte Münzmeister Bucher diesem Verfall nicht einfach tatenlos zusehen. Er bat den Stadtrat um die Erlaubnis, einige Silberpfennige, eine eher unbedeutende Währungseinheit, zu schlagen.

1715 endlich, die Übermenge an Kleingeld muss wieder abgenommen haben, wurde seiner Bitte stattgegeben. Der pfiffige Münzmeister liess sich das nicht zweimal sagen und prägte drauflos, was Schmelzofen, Hammer, Waage und Münzstempel hergaben. Denn unvorsichtigerweise hatte der Stadtrat dabei keine genaue zu fabrizierende Menge festgesetzt. Um seiner Produktion einen zusätzlichen Schub zu verleihen, liess er weitere Stempel hinter dem Rücken der Obrigkeit herstellen; Brustschmuck sowie silberne Gürtel und Becher schmolz er dafür kurzerhand ein. Das Geschäft florierte, und Hans Konrad Buchers Geldbörse erfreute sich einem angenehmen, steten Klimpern.

Ende 1717 begann das Ganze jedoch ruchbar zu werden. Nicht nur in Schaffhausen selbst, sondern auch in Zürich, Bern, Solothurn und Neuenburg beklagte man sich zusehends über diese «faulen, liederlichen und nichtswerten» Silberpfennige.

Ein schaffhauser dicken (Silber) aus dem Jahr 1617 in Originalgrösse. (Wielandt, Schaffhausen)

Untersuchungen gegen Bucher ergaben jedoch nichts, er durfte es sich weiterhin im Haus «Zur Münz» bequem machen und sich Münzmeister nennen. Komisch nur, dass die Zahl dieser lumpigen Pfennige trotzdem nicht abnehmen wollte. Hans Konrad Buchers Prägewut führte sogar so weit, dass die Stadtbewohner die Münzen überhaupt nicht mehr voneinander annehmen wollten. Und auswärtige Kaufleute akzeptierten sie nur zu einem sehr schlechten Kurs. Der zugegebenermassen originelle Münzmeister hatte eine regelrechte Wirtschaftskrise kreiert. Ganz alleine, ohne Wall Street und Immobilienspekulation.

Daraufhin jedoch schien Bucher unvorsichtig zu werden. Weil seine Tochter Margarethe mit einer grossen Menge dieser Pfennige in einem Kramladen bezahlte, wurde er abermals des Falschmünzens bezichtigt. Diesmal wurde seine ganze Familie vor Gericht geladen. «Wegen boshaften frechen Leugnens» musste Buchers Frau nach einem harten Befragungsprozedere sogar hinter Gitter; die – wohlgemerkt minderjährige – Tochter wurde ins städtische Zuchthaus gesperrt. Zumindest für einige Wochen. Das Familienoberhaupt gab sich nämlich lammfromm und unwissend.

Der Überfluss an Silberpfennigen, so Bucher, müsse von irgendwelchen Falschmünzern oder fremden Münzstätten stammen. Er selbst habe damit garantiert nichts zu tun. Seine Argumente (oder auch die fehlenden Beweise) vermochten die Obrigkeit offenbar zu überzeugen, und Bucher samt Familie kamen mit einem blauen Auge davon.

Das Ende der Münzproduktion

Die Stadtbewohner aber hatten langsam genug von all den Münzwirren. Die Akte Bucher trug hierzu ihr Übriges bei. 1726 wurde das Haus «Zur Münz» an den Meistbietenden verkauft; der Stadtrat hatte nicht vor, in absehbarer Zeit wieder Münzen fabrizieren zu lassen. So sollte die schillernde Person Hans Konrad Buchers der Letzte sein, der dort Münzen prägte.

Doch wenn man scheinbar auch ohne Neuprägungen auskam, womit wurde eigentlich bezahlt? Nur schon wegen der speziellen geografischen Lage war Schaffhausen nie unabhängig von anderen Währungen. Verbote etwa von süddeutschen Münzen liessen sich faktisch nie durchsetzen, ebenso wenig solche eidgenössischer Gelder. Ein kunterbuntes Wirrwarr an unterschiedlichsten Geldsorten prägte seit jeher die Schaffhauser Wirtschaft. Erst mit der Vereinheitlichung des Schweizer Währungswesens im Jahr 1851 wurde diesem Chaos letztlich Einhalt geboten. Fortan galt nur noch der Schweizer Franken als Zahlmittel.

Damit war die Schaffhauser Münzprägungsstätte, die bis dahin immer noch für den Fall der Fälle beibehalten wurde, endgültig überflüssig geworden. Der letzte Abschnitt dieser Schaffhauser Geldgeschichte beginnt im Jahr 1863. Der grosse Industrialisierungsschub verlangte nach neuen Mitteln, um die finanzielle Basis der Unternehmen zu gewährleisten. Das schwerfällige System mit den Münzen reichte bei weitem nicht mehr aus, und Kapital war damals nur mittels Aktien oder Staatskapital aufzubringen.

So wurde es der «Bank in Schaffhausen» und später der «Schaffhauser Kantonalbank» gestattet, eigene Banknoten zu drucken. Schaffhausen avancierte in der Folge zu einem der am meisten industrialisierten Städte der jungen Schweiz. Schliesslich, mit der Inbetriebnahme der Schweizerischen Nationalbank im Jahr 1907, schloss auch dieses Kapitel: Bis 1909 mussten alle Schaffhauser Banknoten aus dem Verkehr gezogen werden. Da hätten selbst gefälschte Druckplatten nichts dagegen ausrichten können.

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