Die Schweiz gehört gemäss der Genfer Non-Profit-Organisation «Small Arms Survey» zu den zehn grössten Schusswaffen­exporteuren der Welt. Der Lappi hat sich mit Patrick Richard, dem Geschäftsführer der Neuhauser SAN Swiss Arms AG, und dessen Verkaufsleiter Pasquale Caputi getroffen.

PATRICK RICHARD (rechts) ist seit vier Jahren beim Unternehmen. Er ist diplomierter Elektroingenieur und Geschäftsführer des Neuhauser Unternehmens. PASQUALE CAPUTI ist seit 20 Jahren in der Neuhauser Waffenproduktion tätig. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung und Verkaufsleiter von Swiss Arms. Zudem ist der eidgenössisch diplomierte Büchsenmacher Inhaber einer Waffenhandels­lizenz.

Die Waffenindustrie in Schaffhausen, die Mitte des 19. Jahrhunderts aufkam, ist heute im Niedergang. Der Tiefpunkt wurde mit dem Verkauf der SIG Arms erreicht. Von den 400 Stellen sind 40 in der Swiss Arms, ihrer Nachfolgefirma, erhalten geblieben. Wo liegen die Perspektiven für die Neuhauser Waffenproduktion?

Patrick Richard: Wir sind nicht anders gefordert als andere Industrien auch. Einerseits müssen wir den lokalen Markt pflegen, andererseits brauchen wir die Fähigkeit, exportieren zu können. Das heisst, wir müssen innovativ sein und die Qualitäten kennen, die gefragt sind. In der Schweiz können wir im Wettbewerb mit den anderen Waffenherstellern schon heute bestehen, aber wir müssen uns auch international bewähren können.

Pasquale Caputi: Dass das Geschäft bei der Schaffhauser Waffenproduktion im Jahr 2000 einbrach, hat auch damit zu tun, dass der Armeeauftrag für das Sturmgewehr 90, das noch von der SIG Arms hergestellt wurde, auslief. Swiss Arms ist aber immer noch Systembelieferer der Armee.

Das heisst, Sie sind für die Instandhaltung und Pflege der SIG Arms Sturmgewehre zuständig.

Richard: Wir haben schon seit der Gründung der SIG die Bedürfnisse der Armee und Sicherheitskräfte gedeckt. Wir stehen deshalb auch hinter der Schweizer Armee.

Sie haben also ein reges Interesse daran, dass eine möglichst grosse Schweizer Armee existiert, damit Sie Arbeit haben?

Richard: Selbst die grösstmögliche Armee der Schweiz bleibt eine kleine Armee, weshalb wir als Unternehmen auf jeden Fall auch exportieren müssen. Wir sind aber interessiert an einer Armee, die die Erwartungshaltung der Bevölkerung erfüllt. Dazu sind Waffen nötig, die das Pflichtenheft der Armee erfüllen. Die Bedingungen dazu sind Robustheit, Zuverlässigkeit, Präzision und Langlebigkeit.

Wenn jetzt die Schweizer Armee wieder einen Auftrag für ein Sturmgewehr ausschreiben würde, würden Sie sich da bewerben? Die SIG konnte ja zweimal einen solchen Auftrag gewinnen.

Caputi: In der Grösse wäre es für uns alleine heute unmöglich, eine solche Menge herzustellen. Aber wir arbeiten in einer Gruppe kleinerer Unternehmen zusammen, die als Zulieferer mitmachen könnten und zu der beispielsweise auch andere Unternehmen gehören, die aus der SIG Arms entstanden sind. Dann wäre das möglich. Wir würden auf jeden Fall angefragt werden.

Richard: Wir würden auf jeden Fall mitmachen. Wir haben seit dem Jahr 2000 nicht nur für den Unterhalt der Sturmgewehre gesorgt, sondern das Gewehr auch weiterentwickelt. Die Weiterentwicklung, die wir für Behörden gemacht haben, hat etwa dazu geführt, dass wir in Bezug auf Präzision so wettbewerbsfähig sind, dass die Waffen auch in der Sportschützenwelt genutzt werden.

Wie informieren Sie sich darüber, was gerade gefragt ist?

Caputi: Wir sind gut vernetzt. Zum einen erhalten wir Informationen von Kunden, die gewisse Wünsche äussern. Auch über öffentliche Ausschreibungen oder übers Internet kann man sich über Trends informieren und nicht zuletzt sind wir auch an Messen anwesend, wo man sich austauschen kann.

Richard: Die Weiterentwicklung wird auch von der veränderten Aufgabenstellung angetrieben. Wenn ich heute einen Infanterist der Schweizer Armee beim Rennen sehe, dann kann ich mir nur schwer vorstellen, wie das möglich ist, wenn ich an meine Zeit bei der Infanterie zurückdenke. Aber die Ausrüstung ist beispielsweise leichter geworden.

Wie geht es weiter mit der Waffen-Entwicklung?

Richard: Da fragen Sie nach den Firmengeheimnissen. Ich kann soviel sagen: Es gibt verschiedene Aspekte. Einer davon sind die Materialien, die immer stabiler und leichter werden, was den Infanteristen, wie ich bereits erwähnte, zugute kommt. Das andere ist das Zubehör. Mit Elektronik etwa ist viel mehr möglich. Der dritte Grund für Entwicklung sind die Bedürfnisse der Kunden.

Patrick Richard (l.) und Pasquale Caputi
Die SAN SWISS ARMS AG entstand im Jahr 2000, als die SIG ihre Waffensparte an die Lüke und Ortmeier Holding verkaufte. Während die ehemaligen SIG-Waffenproduktions-unternehmen in Deutschland und den USA unter dem Namen Sig Sauer firmieren, wurde die Schweizer Niederlassung in Swiss Arms umbenannt.

Wer kauft die Swiss-Arms-Waffen?

Caputi: Das sind sowohl die Armee, als auch Polizei, Sammler, Sportschützen oder Jäger.

Welcher Anteil davon wird exportiert?

Richard: Das sind etwas mehr als 60 Prozent. Der Wert schwankt allerdings. An wen und in welche Länder exportiert wird, das kann und will ich Ihnen aber nicht sagen.

In der Schweiz und in Europa ist es trotz Krise so friedlich wie schon lange nicht mehr. Ist es da noch sinnvoll, im Waffengeschäft aktiv zu sein?

Caputi: Wenn Sie eine Versicherung abschliessen, gehen Sie auch nicht davon aus, dass Sie diese brauchen.

Richard: Genauso hoffen wir, dass die Waffen nie zum Einsatz kommen. Das heisst aber nicht, dass sie nicht zu den Werkzeugen von Armee oder Polizei gehören. Wir haben für unsere Produkte in allen Märkten der Welt Absatz gefunden.

Gerade der Export von Waffen steht ja immer wieder in der Kritik. Haben Sie keine Angst, dass der politische Druck in der Schweiz ihr Exportgeschäft beeinträchtigen könnte?

Richard: Politischer Druck ist immer gut. Das ist Demokratie, davor habe ich keine Angst. Ich setzte mich aber natürlich dafür ein, dass meine Stimme zählt. Der Gesetzgeber kann schon heute den Handel mit Waffen aus politischen Gründen oder etwa zur Wahrung der Menschenrechte stoppen.

Der Export wird dennoch moralisch und ethisch infrage gestellt, da immer gewisse Risiken bestehen, dass Schweizer Waffen in Krisengebieten verwendet werden. Kürzlich erst wurden Ruag-Handgranaten in Syrien entdeckt. Wie können Sie sicherstellen, dass ihre Waffen nicht plötzlich in Krisengebieten auftauchen?

Caputi: Wir brauchen eine Bewilligung des Seco, wenn wir Waffen exportieren wollen. Wenn die Papiere nicht da sind, lassen wir unsere Maschinen gar nicht erst an.

Richard: Wir wollen auch nicht in ein Geschäft investieren, das keine Zukunft hat. Es gibt in der Schweiz das Kriegsmaterial- und Waffengesetz und wir sind neben dem Seco auch in Kontakt mit dem Departement für ausländische Angelegenheiten. Das gibt uns eine kleine Versicherung. Aber es gibt Risiken. Sie treten vor allem langfristig auf, nach zehn Jahren, wenn es schwierig wird, nachzuvollziehen, wo die Waffen hingekommen sind.

Gibt es da Methoden, wie man besser absichern kann, dass Waffen nicht in die falschen Hände geraten?

Richard: Man könnte die Waffen mit GPS ausrüsten oder sie mit einem biometrischen Fingerabdruck schützen, damit nur die entsprechende Person die Waffe benutzen kann. Damit sie nur dem Zweck dienen, für den sie gedacht sind und konzipiert wurden. Wir versuchen da, die neuesten Technologien im Auge zu behalten und auch zu nutzen. Das ist eine Herausforderung für die Hersteller.

Wären strengere Standards nicht ein Vorteil, da dies dem Image zugute kommen könnte?

Richard: Ich bin stolz, dass wir uns auf die strengen Schweizer Gesetze berufen können, aber das ist kein Vorteil. Wenn die Schweizer Behörden unser Geschäft genau beobachten, will man lieber keine Fehler machen. Andere Unternehmen im Ausland hingegen dürfen in vielen Fällen mit dem Einverständnis der Behörden liefern, wo es uns nach Schweizer Recht verboten ist.

Könnten da nicht strengere internationale Standards helfen?

Richard: Nein, ich bin nicht für internationale Regeln, aber für die Unternehmen in verschiedenen Ländern dürfen nicht zu grosse Unterschiede bestehen. Wettbewerb ist gut, wir brauchen auch bei uns keinen Protektionismus. Übrigens machen wir auch so nicht alles, was uns das Gesetz erlauben würde. Granatwerfer verkaufen wir in der Schweiz zum Beispiel nicht. Wir haben die grundlegende Entscheidung getroffen, dass es keinen Sinn macht, diese Waffen im Zivilmarkt zu verkaufen. Obwohl das Interesse bestehen würde.

Wie nimmt Ihr Umfeld auf, dass Sie im Waffenhandel und der Produktion tätig sind? Werden Sie darauf angesprochen?

Caputi: Es ist vor allem Interesse da. Ausserdem bin ich schon zu lange dabei, als dass das mein Umfeld noch nicht wissen würde. Man muss mit Überzeugung hinter dem Unternehmen stehen können, das ist klar. Für mich ist es eine Herausforderung, ein solches Produkt herzustellen. Dass es sich dabei um eine Waffe handelt, ist zweitrangig.

Richard: Damit muss man umgehen können. Meine Familie und meine Freunde haben kein Problem damit. Für mich als Schütze ist es ein Objekt, das ich schon seit der Rekrutenschule kenne. Es ist aber schon so, dass ich mir bei der Personalpolitik sicher sein muss, dass der Mitarbeiter weiss, dass sein Umfeld kein Problem damit hat.

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