Schaffhausen ist weltweit bekannt für einen Wasserfall. Aber nicht nur. Schusswaffen aus der Region sind auf der ganzen Welt begehrt.

Eduard Brodbeck war bis Mitte der Neunzigerjahre chef der waffenproduktion bei der SIG.

Direkt am Rheinfall begann die industrielle Waffenproduk­tion der SIG – wir befinden uns auf dem Rhytech-Areal in Neuhausen, betreten ein altes Bürogebäude und steigen hinunter in den Keller. Eduard Brodbeck führt uns durch mehrere Türen und verwinkelte Gänge in einen düsteren Raum, der als Garderobe dient. Wir stehen vor den Überresten von 140 Jahren Waffenproduktion in Neuhausen.

Brodbeck war bis zu seiner Pensionierung Mitte der Neunzigerjahre Chef der Waffenproduktion bei der SIG. Heute betreut er zusammen mit einem Kollegen das Waffenmuseum mit ungefähr 700 Exponaten in vier Räumen. Das Museum ist nicht öffentlich zugänglich. Für die Lappi-Redaktion öffnet Brodbeck jedoch gerne die Tür zur Unternehmensgeschichte.

Brodbeck bittet uns, in einen kleinen Luftschutzraum einzutreten, der von kühlem Neonlicht beleuchtet wird. Türen gibt es keine in dem Betonkeller, so erhaschen wir durch die leeren Türrahmen einen Blick in die anderen Räume des Museums. Ganze Batterien von Gewehrläufen blicken zurück. Doch die Führung beginnt bei der Unternehmensgründung.

An der Wand hängen die Gründerportraits, in einer Ecke steht die SIG-Glocke, die anlässlich der Gründung des Unternehmens 1853 gegossen wurde. Brodbeck schlägt die Glocke an und deutet auf den eingegossenen Spruch: «Rüstig zur Arbeit ruf ich euch morgens zu, Abends verkündet meine Stimm euch süsse Ruh».

Brodbeck hält fest, dass in der SIG zu Beginn Zugwaggons gebaut wurden. Schaffhausen und Neuhausen waren damals nicht mit Schienen erschlossen, die Waggons wurden auf der Strasse nach Winterthur gebracht. Unser Guide scheint von diesem Umstand amüsiert und gleichzeitig fasziniert zu sein. Er bewundert den Pioniergeist der Gründerväter der SIG. Weiter zeigt er uns handschriftliche Auftragsbücher von 1873. In dem dicken Ledereinband finden sich Informationen zur Waffenproduktion der SIG, die bereits 1860 begann. Ein Gewehr kostete damals 78 Franken.

Das Vetterli­gewehr kam einer Revolution gleich

Mit der Produktion von Waffen begann die SIG, weil der Bundesrat die regionalen Industriebetriebe dazu aufrief. Die erste Bestellung, die bei der SIG in Neuhausen einging, umfasste 1'600 Gewehre. Bald darauf, im Jahr 1867, entwickelte Johann Vetterli für die SIG das Vetterligewehr. Das kam einer Revolution gleich: Mit dieser Waffe mussten die Soldaten nicht mehr jede Patrone einzeln nachladen. Die Schweizer Armee bestellte 250'000 Stück, womit die Waffenindustrie in Neuhausen endgültig Fuss fasste.

im reduit: Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mieten Schaffhauser Unternehmen Räume im Landesinnern. Die SIG wählt Lausanne, die GF das Berner Oberland und das Emmental und die IWC bringt ihre Goldvorräte in die Innerschweiz.

Im nächsten Raum, den Brodbeck liebevoll den «Vetterli-Raum» nennt, stehen an den Wänden in Gestellen gegen 100 ältere bis uralte Gewehre sorgfältig aufgereiht. Er nimmt ein Vetterligewehr zur Hand und demonstriert uns, wie die Waffe geladen wird. Er repetiert und drückt ab. Zum Glück ist keine Patrone eingelegt.

Eduard Brodbeck ist überzeugt: «Dank dem Vetterligewehr blieb die Schweiz vor den Kriegen in Europa um die Jahrhundertwende verschont.» Der Technikvorsprung habe die Nachbarn abgeschreckt. Kurz darauf gesteht er jedoch ein, dass die Schweizer Armee im zweiten Weltkrieg immer noch mit halbautomatischen Gewehren ausgerüstet war, während ringsherum vollautomatische Gewehre längst Standard waren.

Im September 1939 wurde bekannt, dass ein Deutscher im Kader der SIG arbeitete. Er hatte zugriff auf alle vertraulichen mitteilungen der Rüstungsindustrie und Kriegsmaterialbestellungen aus dem Ausland. Weil er Mitglied der NSDAP war, wurde er der Spionage verdächtigt und musste sich nach Deutschland absetzen.

Dieser Missstand sollte 1957 behoben werden. Die Schweizer Armee brauchte eine neue Waffe. Auf unserem Rundgang sind wir im «Automatenraum» angelangt. Das Sturmgewehr 57 aus Neuhausen erhielt bei einer Ausschreibung des Bundes den Zuschlag. Wir lernen, dass mit diesem Gewehr auch Granaten abgefeuert werden können. Zum Zielen bindet der Soldat sein Sackmesser an eine Schnur und bestimmt so den Neigungswinkel für den Schuss. Brodbeck lobt ausserdem die Vorzüge der neuen Mündungsbremse und des Masseverschlusses für den Schützen. Diese verringern den Rückstoss, so ist genaues Seriefeuer möglich.

Brodbeck schwärmt von Feinmechanik

Das Sturmgewehr 57 war mit seinen über sechs Kilogramm Gewicht bald zu schwer. Zu Beginn der 80er-Jahre musste eine neue, leichtere Waffe gebaut werden, die den NATO-Standards genügen sollte. Trotz Konkurrenz aus Bern bewarb sich die SIG Neuhausen wieder mit einem eigenen Modell. Noch einmal machten die Neuhauser um Eduard Brodbeck das Rennen, dies obwohl Schaffhausen als grenznahe Stadt aus militärischer Sicht einen eindeutigen Standortnachteil für die Waffenproduktion aufweist. Das Sturmgewehr 90 wurde zur Ordonnanzwaffe und blieb es bis heute.

Brodbeck schwärmt von der Feinmechanik des Sturmgewehres. Er spricht von Leistungsdichte, die einem Formel-1-Wagen ähnlich ist. Von den PS, die das Gewehr beim Schiessen erbringt. Er versteht das Sturmgewehr nicht als Kriegswerkzeug, sondern als technische Meisterleistung.

Über den jeweiligen Verwendungszweck der Waffen habe er sich schon auch Gedanken gemacht. Bei der Entwicklung des Sturmgewehrs 90 stand für ihn nicht der Angriff im Fokus. Er wollte dem Schweizer Soldaten die bestmögliche Waffe zur Verfügung stellen. Der Russe sollte wissen, dass die Schweizer mit der besten Waffe ausgerüstet gewesen seien, meint er.
Er beschreibt, wie die Gewehre getestet wurden. Das Sturmgewehr kann in ein Schlammbad getaucht werden und ist trotzdem sofort einsatzbereit. Auch in der Kälte wurden Tests durchgeführt. Ein ausgebildeter Schweizer Soldat könne mit einer vereisten Waffe nach nur 20 Sekunden mit dem Schiessen beginnen.

«Wir haben Sicherheit verkauft»

Die Gewehre aus Neuhausen sind wegen diesen Eigenschaften weltweit begehrt. Auch und vor allem in Südamerika und Afrika finden sie bis heute weite Verbreitung (siehe Kasten). Che Guevara wurde in Bolivien mit einem Sturmgewehr aus Neuhausen hingerichtet.

Für Brodbeck ist klar: «Wir haben Sicherheit verkauft». Darum wurden in der SIG beispielsweise auch nie Schalldämpfer produziert. Diese würden wohl kaum der Selbstverteidigung dienen.

Die SIG Holding kaufte 1970 die J. P. Sauer & Sohn. Gestärkt wollte man den aufstrebenden US-Markt erschliessen. Eduard Brodbeck war in den 80er-Jahren mitverantwortlich für den Aufbau von SIG Sauer in Exeter New Hampshire. Das Werk ist kontinuierlich gewachsen und beschäftigt heute über 600 Mitarbeiter. Der Grund für die Expansion in die USA waren die komplizierten Schweizer Exportbestimmungen und die ungünstigen Produktionsfaktoren. Es wurde zunehmend schwierig, die grosse Nachfrage zu befriedigen. Gemäss der Firmenhomepage sind ein Drittel der US-amerikanischen Polizeibehörden mit Waffen der SIG ausgerüstet.

Langsam kommen wir zum Schluss der Führung. Brodbeck lässt uns jedoch nicht gehen, bevor wir nicht noch die geschätzt 150 Pistolen und etwa 30 Säbel betrachtet haben, die im vierten Raum auf den Betrachter warten. Auch die Anekdote vom amerikanischen Polizisten, der Brodbeck erzählte, dass er sich jeden Tag auf seine «Lebensversicherung» aus dem Hause SIG verlassen können müsse, bleibt uns nicht erspart.

Am Ende stehen wir wieder auf dem Rhytech-­Areal. Wir fragen Brodbeck, wie es denn um die Sicherheit im Museum stehe. Dieser kann uns beruhigen, der Bunker ist mit Bewegungssensoren ausgestattet, die direkt mit der Schaffhauser Polizei verbunden sind. Ohne den richtigen Schlüssel erhält niemand Zutritt zur Geschichte der Neuhauser Waffenproduktion.

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