Schiessen will gelernt sein. ­Ein ­Meister des Fachs, Olympiaschütze Fabio Ramella, zeigt dem ­Lappi, wie es geht.

Als wir Fabio Ramella, den besten Tontaubenschützen der Schweiz, anfragen, ob er uns zum Training mitnimmt, ist er begeistert: «Ich will euch etwas bieten, zusammen lassen wir es richtig krachen.»

Es ist bitterkalt, als wir am frühen Morgen beim Jagdschiessstand Kieferle im deutschen Randegg ankommen. Die Anlage verfügt über ein Trainingsgelände mit einer Olympischen Skeetschiessanlage.  Sie besteht aus acht Schusspositionen, die einen Halbkreis bilden, an dessen Enden sich «Hochhaus» und «Niederhaus» befinden. Darin sind Auswurfmaschinen untergebracht, welche die tönernen Ziele durch die Luft schleudern.

Die Tontauben sind tellerförmig, mit einem Durchmesser von etwa zehn Zentimetern und leuchtend orange. Als wir per Fernbedienung die erste Taube fliegen lassen, staunen wir nicht schlecht: Mit einer Geschwindigkeit von 90 Stundenkilometern segelt das kleine UFO an uns vorbei. Haben wir uns zuviel vorgenommen?

Bevor wir uns selber an den Abzug wagen, zeigt uns Ramella, wie es geht. Er bricht seine Doppelflinte, steckt eine Schrotpatrone in den unteren Lauf und verstummt in höchster Konzentration. Auf sein Zeichen drücken wir auf die Fernbedienung, und dann geht es ganz schnell. Die Scheibe fliegt, Ramella setzt an und drückt ab.

Zwei Schuss in ­Sekundenbruchteilen

fabio ramella vertrat die Schweiz an den Olympischen Spielen in London im Skeet, schaffte es aber nicht ins Finale. Er ist der erste Schweizer Skeetschütze seit 44 Jahren, der an Olympischen Spielen teilgenommen hat. Die Schweizermeisterschaften müssen aus Mangel an TeilnehmerInnen oft abgesagt werden. Finden sie statt, gewinnt meist Fabio Ramella.

Während wir erst realisieren, dass er getroffen hat, öffnet der Schütze die Flinte schon wieder, er fängt die herausfliegenden leeren Patronenhülsen in der Luft mit seiner Hand auf, lenkt sie mit einer in tausendfacher Wiederholung perfektionierten Handbewegung in den dafür vorgesehen Korb und ist sofort bereit für die nächste Scheibe. Dieses Mal hat er beide Läufe geladen, um eine Dublette zu schiessen, also zwei Tontauben, die gleichzeitig aus Ober- und Unterhaus geflogen kommen. Ramella schiesst innerhalb von Sekundenbruchteilen zwei Mal, beide Scheiben zerbersten in der Luft.

An Wettkämpfen müssen aus jeder Schussposition einzelne Tauben oder Dubletten getroffen werden, aus einigen Positionen beides. Nur an zwei der acht Positionen braucht Ramella einen zweiten Versuch, um alle Tontauben vom Himmel zu holen.

Endlich sind wir dran. Was gerade noch so leicht aussah, entpuppt sich als Herausforderung für uns gänzlich unerfahrene SchützInnen. Zahlreiche Tontauben fliegen an uns vorbei, bis wir lernen, wie man Kimme, Korn und Ziel gleichzeitig im Auge behält.Dazu kommt, dass man nicht direkt auf die Scheibe schiessen muss, sondern etwas weiter vorne ins Leere. Mit wechselnder Position verändert sich der Winkel zur Flugbahn, was beim Vorhaltemass berücksichtigt werden muss. Nach jedem Schuss steigt ein kleines Wölkchen Pulverdampf aus der gebrochnenen Flinte, ein unverwechselbarer Duft macht sich bemerkbar. «Riecht doch gut, oder? Ich liebe das!», meint Ramella vergnügt.

Laien am Abzug

Mit der Zeit trägt die geduldige Instruktion des Meisterschützen Früchte; die erste Wurfscheibe zersplittert. War es nur Zufall? Nein, erstaunlich schnell stellt sich ein gewisser Lerneffekt ein. Weitere Tontauben erleiden das ihnen vorbestimmte Schicksal, und jeder Treffer steigert unsere Euphorie. Dies wiederum freut Ramella, es macht ihm sichtlich Spass, Neulingen seinen Sport näher zu bringen. Es zeigen sich unterschiedliche Begabungen: Während der Fotograf sogar bei einer Dublette Erfolg hat, trifft die Autorin keine der fliegenden Scheiben. Als Ramella vorschlägt, sie solle es mit einer am Boden aufgestellten Tontaube versuchen, kommt auch sie zum Erfolgserlebnis.

In einem Beitrag über Fabio Ramellas Teilnahme an den Olympischen Spielen in London bezeichnete das Schweizer Fernsehen das Skeetschiessen als «Sportart am Rande der Randsportarten». Kein Wunder, dass es als Skeetschütze schwierig ist, Sponsoren zu finden. Um seine Passion zu finanzieren, will Ramella deshalb vermehrt Kurse und Anlässe anbieten. Ein Konzept, das Erfolg haben könnte: Wir können uns keine Olympische Disziplin vorstellen, die beim ersten Versuch so viel Spass macht.

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